15.02.2022

Tanz mit den Delfinen

Ein Artikel von Andrea Lindau

Die türkise, smaragdfarbende Oberfläche des Ozeans funkelt im Sonnenlicht und erstreckt sich ungewöhnlich still bis zum Horizont. Noch ist nichts zu sehen.

„Da, da sind sie!“ ertönt ein aufgeregter Ruf und bringt Tumult in die Stimmung an Bord. Wir halten die Luft an und starren gebannt in die angedeutete Richtung. Da, plötzlich, gleitet er scheinbar schwerelos drei Meter aus dem Wasser, wackelt mit der Schwanzflosse und fällt dann lässig wieder zurück in das kristallklare Nass. Eine Welle kindlicher Freude und Begeisterung rollt über unser Boot.

Über die Beziehung zwischen Delfin und Mensch sind viele Bücher geschrieben worden. Einige nähern sich dem Phänomen eher rational und wissenschaftlich, in anderen werden die Delfine stark mystifiziert und mit verdächtig menschlich anmutenden New Age Theorien ausgeschmückt. Ich habe einiges im Vorfeld dieser Reise gelesen, doch jetzt wird nichts davon der wirklichen Begegnung mit diesen Wesen gerecht. Später am Abend werden wir zusammensitzen, manche von uns sehr still, mit Tränen in den Augen, andere von uns werden versuchen, ihre Begeisterung über das Erlebte in Worte zu fassen.

Gerade hat unsere Gruppe noch genauso träge wie der Ozean vor sich hingeschaukelt. Manche haben im Schatten des Katamarans ein Mittagsschläfchen gehalten, andere versonnen mit den Beinen im fast badewannenwarmen Wasser gebaumelt oder ein entspanntes Schwätzchen gehalten. Doch jetzt zieht uns der direkte Kontakt in die Gegenwart. Kindliches Jauchzen ist zu hören. Erwachsene Männer* und Frauen* haben offenbar ihre Vernunft über Bord fallen lassen und suchen in kindlich-hektischer Gier ihre Tauchausrüstung zusammen.

Wie ein starker Magnet locken uns die Delfine ins Wasser.

Vor einem Jahr habe ich sie zum ersten Mal in Gefangenschaft erlebt und sogar berühren dürfen, eine sehr widersprüchliche Erfahrung. Ich war zutiefst berührt, diesen magischen Wesen so nah sein zu dürfen. Die äußeren Bedingungen hinterließen jedoch einen schalen Nachgeschmack. Der Kontakt wurde durch die Futtergaben der Trainer*innen manipuliert und der Preis für diese wundersamen Meeresbewohner*innen ist ihre Freiheit. Seitdem wünschte ich mir sehr, ihnen mit Respekt in ihrem wahren Lebensraum zu begegnen.

Ungefähr zeitgleich erwachte in mir das Bedürfnis, meiner Stimme mehr Raum zu geben. Seit den niederschmetternden Urteilen meiner Musiklehrerin während meines Stimmbruchs hatte ich mir nie wieder erlaubt, frei und inbrünstig zu singen.

Ich erhielt die Chance, mir beide Herzenswünsche zu erfüllen.

Ich lernte auf dem Rainbow Festival den begnadeten Musiker Peter Makena kennen. Sein leidenschaftliches und zugleich unglaublich zartes Singen fand in meiner Seele ein tiefes Echo. Als ich erfuhr, dass er gemeinsam mit den Delfinleuten von WildQuest ein Seminar auf den Bahamas anbot, gab es kein Halten mehr.

Hier war ich nun, auf Bimini, mitten in der Regenzeit. Die Winzigkeit der Insel mitten im blauen Ozean, ihre tropischen Bilderbuchstrände, die einfachen Hütten der Einwohner*innen, all das wirkt geradezu surrealistisch auf mich.

Die Möglichkeit, Delfinen in ihrem Lebensraum zu begegnen, fordert Hingabe und Vertrauen in den Augenblick. Diese Wesen sind in Freiheit bei weitem nicht so wild auf die Kommunikation mit uns Menschen, wie uns das manche Filme suggerieren. Delfine brauchen uns nicht, um Spaß zu erleben. Sie scheinen genau zu wissen, was sie wollen. So schnell wie sie auftauchen, verschwinden sie auf magische Weise wieder, wenn ihnen die Besucher*innen zu laut, aufdringlich oder schlichtweg langweilig erscheinen.

Daya und Sandesh, zwei alte Sanyassins, die Leiter*innen von WildQuest, schufen mit ihrem Programm einen sehr respektvollen und bewussten Rahmen, in dem ein hautnahes Treffen mit Delfinen stattfinden kann, ohne sie empfindlich zu stören. Vom ersten Tag an lerne ich ihre klare und sanfte Art, die Gruppe zu betreuen, sehr schätzen.

Der erste Tag beginnt mit einer echten Herausforderung. Das Wasser fällt sintflutartig vom Himmel und fesselt uns an das Haus. Gebannt starren wir nach draußen auf die kaskadenartigen Wasservorhänge. Die Natur bremst unseren Tatendrang aus und die Zeit scheint stehen zu bleiben. Das Rauschen des Regens wäscht unsere Gedanken und Wünsche hinweg. Sitzen wir hier schon seit Tagen fest? Ich beginne mich wie Hemingway zu fühlen, es fehlt nur noch der Rum.

Immer noch herrscht Beklommenheit in unserem aus der ganzen Welt zusammen gewürfelten Haufen. Peter bricht das Eis. Gemeinsam mit seiner Frau Aneeta verlockt er uns, aus unserem Herzen heraus zu singen. Peter lebt eine seltene Mischung aus Kraft und tiefer Zartheit. Etwas in mir bricht auf. Oft habe ich mir in Momenten der Glückseligkeit und Hingabe gewünscht, die Begrenzung des gesprochenen Wortes hinter mir zu lassen und meine Freude durch Gesang auszudrücken. Es war wie ein unsichtbares Band, welches mich in der letzten Sekunde zurückhielt. Jetzt ist es zerrissen und ich lasse meiner Stimme ihren freien Lauf. Es ist ein Moment innigster Intimität mit mir selbst und ich glaube, eine wichtige Vorbereitung auf den Tanz mit den Delfinen.

Die nächsten Tage beginnen wir mit speziellen, sehr kraftvollen Atemtechniken, die uns helfen, uns dem hohen Energieniveau dieser Tiere anzunähern. Dann verbringen wir den gesamten Tag auf dem Meer. Der Ozean schaukelt uns wie eine Mutter ihr Kind und wir versinken immer tiefer in einem zeitlosen Gefühl der Ewigkeit. Hin und wieder greift Peter zur Gitarre. In unseren Gesängen schwingt unsere Dankbarkeit und unser Staunen über die weite Schönheit des Meeres.

Und jetzt stehen wir nun, aufgeregt wie die kleinen Kinder am Geländer des Katamarans und zählen begeistert die Rückenflossen, die um unser Boot herum auftauchen. Wir haben Glück. Diese Delfinfamilie scheint in Spiellaune zu sein und beginnt, in unserem Kielwasser zu gleiten. Ich würde jetzt gern dichten, um auszudrücken, was allein der Anblick dieser Wesen in mir ausgelöst hat. Ihre offensichtliche Freude am Dasein, die unglaubliche Eleganz ihrer Bewegungen, die Art, wie sie miteinander schwimmen, all das berührt eine tiefe, uralte Erfahrung von Harmonie in mir.

Es ist schwierig, unsere Gruppe in diesem Moment nicht als plump und unbeholfen zu empfinden, angesichts dieses Schauspiels. Dennoch spüre ich, dass diese Wesen mich an eine Vollkommenheit erinnern, die auch mich umschließt. Sie beobachten uns aus dem Wasser heraus. In ihren Augen schimmert etwas sehr Altes, Tiefes, Dunkles. Ich fühle mich durchschaut und erkannt.

Das Spiel der Delfine zog uns in seinen Bann. Wir waren völlig selbstvergessen und spätestens das Signal „Fertig machen für das Wasser!“ ließ uns die letzte spirituell antrainierte Fassung verlieren. Ob vornehmer Brite, vernünftige Deutsche oder cooler Amerikaner, erleuchtet oder nicht, mit unseren Tauchbrillen auf der Nase sahen wir alle gleich ulkig aus. Unmerklich versucht sich jede*r von uns mit Flossen an den Füßen nach vorn zu drängeln. Egal wie heilig ich mir diesen Moment der ersten Begegnung vielleicht vorgestellt hatte, ich glaube, aus Sicht der Delfine sahen wir wie große, aufgeregte Riesenfrösche aus, als wir uns ins Wasser fallen ließen.

Endlich war ich an der Reihe. Das Wasser schlug über mir zusammen und ich war in ihrer Welt. Ich könnte viel darüber schreiben, was ich bei den zahlreichen Begegnungen mit Delfinen unter Wasser erlebt habe, es würde nicht der Erfahrung gerecht werden, die immer noch so präsent in mir ist. Noch nie zuvor habe ich eine so schmerzhafte, süße Sehnsucht gespürt, total loszulassen.

Delfine von außen zu betrachten ist wunderschön, ihnen in die Stille unter Wasser zu folgen, war für mich eine ungleich tiefere Erfahrung. Ihr Sein strahlte für mich absolute Gegenwärtigkeit aus, einen Zustand, den wir in Augenblicken der Gnade erleben und nur allzu oft wieder schmerzhaft verlassen.

Es ist so still unter Wasser. Manchmal klingt ihr Klicken und Pfeifen geheimnisvoll, dann wieder ausgelassen und albern. Die Leichtigkeit ihrer Bewegungen, ihr sanftes Gleiten macht mir meinen angestrengten Atem unter Wasser deutlich. Am Anfang ertappe ich mich oft in der Gier nach möglichst engem Kontakt. Später, Stunden nach dieser Erfahrung wird mir schmerzhaft bewusst, wie oft meine Konditionierung immer noch versucht, bestimmte Erfahrungen zu erkämpfen, anstatt sich vertrauensvoll hinein zu entspannen.

Hier, in der Weite des Ozeans, wird so offenbar, dass sich nichts erzwingen lässt. Die Wesen, mit denen ich hier schwimme, sind frei und sehr klar in ihren Präferenzen. Binnen Sekunden scheinen sie uns alle zu scannen und treffen sehr unsentimental ihre Wahl. Bist du zu aufdringlich, entziehen sie sich elegant. Meine Tochter hingegen scheint ein wahrer Delfinmagnet zu sein. Wann immer sie ins Wasser springt, tummeln sie sich mit ihr. Ist es ihre freche Unbeschwertheit? Als Zeichen ihrer Zuneigung wird Leona sogar mehrere Male angeschi.... Welch originelle Art, Komplimente auszutauschen.

Auch in den nächsten Tagen finden uns verschiedene Delfinfamilien auf offener See. Ich kann die Magie nicht erklären. Der Sprung ins Wasser ist für mich jedes Mal wie der Sprung nach Hause.

Daya erinnert uns wieder und wieder daran, dass wir ihnen nicht folgen, sondern darauf vertrauen sollen, dass sie zu uns kommen. Doch, um die Wahrheit zu sagen, unter Wasser bin ich sehr versucht, alle Regeln zu vergessen. Plötzlich bin ich umgeben von drei Delfinen. Ihre Augen beobachten mich sanft und neugierig. Ich spüre eine tiefe Freude, diese Schönheit und Harmonie erleben zu dürfen und möchte weinen vor Glück. Ich tauche mit ihnen in die Tiefe und entdecke mein ungezwungenes Spielen wieder. Leider muss ich aufsteigen, um Luft zu holen. Als sie etwas später ihren Weg fortsetzen, möchte ich nichts lieber, als ihnen folgen.

Alle Begrenzungen der Sprache, unsere unbeholfenen Bewegungen und zum Teil so steifen Beziehungen möchte ich hinter mir lassen und mit ihnen schwimmen, spielen, einfach sein, im Ozean verschwinden.
Zurück auf dem Boot sind die meisten von uns sehr still. Delfine scheinen unsere Essenz direkt zu berühren. Das Erlebte klingt lange nach. Ich fühle die Grenzen unserer irdischen Existenz und bin mir gleichzeitig einer unermesslichen inneren Weite und Perfektion bewusst. Das ist die Spannung des Lebens, in der wir uns bewegen, wenn wir von unserer wahren Natur gekostet haben .

Die Sonne geht unter und das Meer färbt sich goldrot. Die starke Sehnsucht, mit der ich den Delfinen ins Wasser folgte, implodiert nach innen und ich falle in die Grenzenlosigkeit des Ozeans in meinem Herzen.