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21.06.2021

Abgebrannt ist sexy

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Was mich befreite

Normalerweise schreien wir laut Aua, wenn uns das Leben in der gemütlich werdenden Adventszeit eiskalt von der Seite erwischt. Anfang Dezember 2003 wurde es den Blumenmönchen heiß, als in einer Nacht die Kirche und das ganze Ordenshaus niederbrannten. Das knapp zwanzigjährige Lebenswerk war nur noch ein Schuttberg aus verkohlten Balken, zersprungenem Glas, geschmolzenen Computerbildschirmen und Trümmern aus Geschirr, wie nach einem ausgelassenen Polterabend. Wir hatten nur noch das, was wir anhatten: Hemd, Hose, Schuhe, Anorak. Für mich wurde diese schwarze Rosskur zum AHA-Erlebnis mit pikantem Freiheitsgefühl.

Es brennt! Hinter der Kirche beim Backhaus brennt’s! Wie ein Lauffeuer breitete sich diese Nachricht durch das ganze Haus aus. Kurz darauf ein Schwall von Sirenen: Feuerwehr, Polizei und Notärzte. Das Blut in den Adern kochte. Der Adrenalinspiegel stieg über jede messbare Skala hinaus. Anfangs begleitete uns die stille Hoffnung, wenn erst mal die Einsatzkräfte da sind, bekommen die das sicher schnell in den Griff. Doch dieser fromme Wunsch sollte sich nicht erfüllen. Der Brand setzte das ganze Kirchendach in Flammen, bis es krachend in den Innenraum stürzte. Die Orgelpfeifen schmolzen wie Wachs. Auch das angrenzende Ordenshaus wurde nach und nach von dieser gierigen Glut aufgefressen. Die fassungslosen Brüder und Schwestern ergaben sich dem unabwendbaren Schicksal mit einem Seufzen gen Himmel: Lieber Gott, was soll denn das? Kannst du nicht besser auf deine Leute aufpassen? In der Krise verlieren wir leicht den Blick für’s Ganze. Da ist es nur zu normal, dass auch ein gläubiges Gemüt aus dem natürlich ängstlichen Verstand heraus reagiert.

Doch nach der ersten Schockstarre wurden wir uns bewusst, was wirklich brennt. Die Reflexion nach innen brachte uns wieder auf Kurs. Ein Bruder erinnerte uns an das biblische Wort: Habt keine Angst vor plötzlichem Schrecken. Wie ein Hallo-Wach durchzuckte es uns: Ja, der Heilige Geist des Lebens war weder im Brand noch nach dem Brand abwesend. Zwar standen wir hier wie abgebrannte Obdachlose auf der Straße, doch das Leben hatte keinen Funken seiner Zusage zurückgezogen. Schnell war klar, wir sind zwar Trümmer-Mönche, doch in uns brennt etwas und wir bauen wieder auf.

Meine Begeisterung wurde kurz nach dem Brand von einem ganz anderen Feuer angesteckt, als ich feststellte: Ich lebe, es fehlt mir nichts. Auch wenn ich nichts mehr hatte, als das, was ich auf dem Leib trug. Als ich von hilfsbereiten Kund*innen im Blumenhaus die ersten Sachen zum Anziehen geschenkt bekam und in einer Tüte verstaute, erlebte ich mein größtes Glück. Diese Obdachlosen-Tüte war mein ganzes Hab und Gut und dabei wurde mir bewusst: Ich lebe nicht von dem, was außen weggebrochen ist, sondern was ein lebendiger Geist in mir entzündet. In diesem Moment erkannte ich meine wahre Essenz. Meine Einstellung zum Leben und mein Glaube sind der weit größere Wert als alles, was ich um mich herum ergreifen kann. In mir bebt die Urgewalt des Lebens, die aus dem Nichts alles schaffen will. Schon eine Woche nach dem Brand räumten wir mit riesigem Spaß den Schutt aus der Kirche.

Die eigentlichen Trümmer unseres Lebens sind nicht die traumatischen Verlusterfahrungen. Haben wir schon einmal ein Hornveilchen erlebt, das im Winter drei Monate von Schnee zugedeckt war und im Frühling psychologische Betreuung brauchte, weil seine Schönheit solch harten Belastungen ausgesetzt war? Sicher nicht. Mit den ersten Sonnenstrahlen lacht es wieder aus den letzten Schneeresten heraus. Es weiß in der Tiefe, dass es das Zeug hat, um allem Frost und der Kälte zu trotzen. Wir haben einfach vergessen, dass wir auch in der schlimmsten Krise noch lachen können. Es fehlt nichts, auch wenn wir da draußen alles verlieren. Der größte Reichtum bin ich selbst. Ich alleine bin die Voraussetzung für alles, was erschaffen wird. Da ist der Heilige Geist, der in meinem ängstlichen Geist andocken will. Wo diese beiden Elemente miteinander verschmelzen, beginnt Neuschöpfung im Chaos. 

Freue dich, ein Mensch zu sein, dem es in die Wiege gelegt wurde, mit den schwärzesten Brocken seines Lebens fertig zu werden. Feuer können dir dein Haus nehmen, doch das Feuer, das in dir brennt, kann keine Macht der Welt auslöschen. Trümmer sind sexy. Sie machen dir erst richtig bewusst, was in dir leben will. 

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